Die Rasse der Havaneser (Bichon Havanais) gehört hierzulande noch zu den eher seltenen und relativ neuen Hunderassen. Es mag dabei etwas überraschen, dass sich dabei jedoch um eine schon recht alte Züchtung handelt, deren Wurzeln bis in die Zeit der Renaissance zurückverfolgt werden kann.

Der genaue Ursprung des Havanesers ist heute nicht mehr eindeutig feststellbar. Als sicher gilt lediglich,

 

  • dass er auf Kuba erstmals in der noch heute bekannten Erscheinungsform gezüchtet wurde,

  • seine Urahnen aus der Mittelmeerregion stammen und

  • eindeutig zu der Familie der Bichon-Rassen, wie auch der Bichon Maltiase (Malteser), der Bichon Bolognese (Bologneser), der Bichon Teneriffe (Bichon Frise), das Löwchen und der Cotton de Tulear zählt.

Allein schon die Ähnlichkeit der Bichon-Rassen untereinander lässt auf diese Verwandtschaft schließen. Die Bezeichnung „Bichon“ kommt aus dem Französischen und bedeutet soviel wie „Schoßhündchen“ oder „flauschiger Hund“.

Über die Entstehung der Rasse existieren verschiedene Theorien:

Einige vermuten, dass ursprünglich italienische Auswanderer im Gebiet des heutigen Argentinien ihre mitgebrachten Bologneser-Hunde mit den kleinen amerikanischen Pudeln kreuzten, und so ein neues Mitglied der Bichon-Familie kreierten.

 

Die weitaus häufiger anzutreffende Theorie besagt, dass im Zuge der spanischen Kolonialisierung Kubas im 16. Jahrhundert die Siedler aus Spanien ihre Hunde mit den Schiffen in die neue Welt brachten. Unklar hingegen ist, ob es sich bei der Urmutter der Havaneser um eine Malteser- oder eine Bologneser-Hündin handelte. In einigen Quellen ist auch über die Abstammung vom Bichon Teneriffe zu lesen.

 

Ganz gleich wie der heutige Havaneser nach Kuba gekommen ist, bereits im 16. Jahrhundert wird er als „Havanna Silk Dog“ (Havanna's Seidenhündchen) erstmals erwähnt.

 

Vor allem aufgrund seiner klimatischen Gegebenheiten entwickelte sich in kolonialisierten Kuba eine florierende Wirtschaft. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Politik durch die Macht der „Zucker-Barone“ bestimmt. Diese Voraussetzungen führten nicht zuletzt dazu, dass Kuba im 18. Jahrhundert als kulturelles Zentrum der neuen Welt galt. Für viele Mitglieder des europäischen Adels wurde Havanna, die Hauptstadt von Kuba, mit seiner Opern, Theatern und Palästen zum neuen Urlaubsziel. Auf ihren Heimreisen brachten sie häufiger einen diese kleinen Hunde aus Havanna mit nach Europa. Dort verbreiteten sie sich schnell in den Höfen von Spanien, Frankreich und England. Sowohl in Spanien als auch am Hof Ludwig XVI wurden die kleinen Hunde aus Havanna in der Art von Pudeln geschoren und bekamen aufgrund ihrer vergleichsweise geringen Größe viel Bewunderung.

 

In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der kleine Hund aus Havanna in Europa richtiggehend eine Mode. So gilt es als erwiesen, dass neben Queen Victoria auch Napoleon III, King Henry III und Charles Dickens solche Hunde besessen haben.

 

Im 19. Jahrhundert verlor der kleine Hund aus Havanna in Europa allmählich seine Popularität und geriet weitestgehend in Vergessenheit. Auch in seiner Heimat, auf Kuba, änderten sich die Zeiten. Die Ära der Zucker-Barone neigte sich dem Ende entgegen und die Klasse der Bourgeoisie, des Bürgertums, übernahm die führende Rolle. Der kleine Hund aus Havanna bewies erneut seine Anpassungsfähigkeit und entwickelte sich zu einem Familienhund, insbesondere als Spielkamerad für Kinder, als Wachhund und zum Hüten der Hühner. So sollte es auch für die nächsten 150 Jahre bleiben.

 

Als bedeutendste Züchterin von Havanesern gilt die in den 1920er Jahren in einem Vorort von Kuba lebende Catalina Laza. Als sehr wohlhabende Frau eines (ehemaligen) Zucker-Barons züchtete sie die Hunde nur zu ihrem Vergnügen und verschenkte sie an ihre Freunde. So konnte sogar Ernest Hemmingway einige Havaneser sein Eigen nennen.

 

Als Mitte des 20. Jahrhunderts Fidel Castro während der kubanischen Revolution die Macht übernahm, verließen viele Kubaner ihr Land. Havaneser waren vor allem im Besitz der bürgerlichen Bevölkerungsschicht und galt als Symbol des Kapitalismus. Gerade diese Bürger verließen als erste das Land und emigrierten in die USA. Viele gingen davon aus, dass es nur für ein paar Wochen oder Monate sein wird und ließen ihre Hunde bei Hausangestellten oder Verwandten zurück. Vermutlich lediglich zwei oder drei Familien nahmen ihre Tiere auf der Flucht mit und ließen sich in den USA nieder. Lediglich 11 Tiere scheinen die Reise überstanden zu haben. Alle Havaneser die heute auf der Welt leben, ausgenommen jene, die in Kuba zurückgelassen wurden oder jenseits des „eisernen Vorhangs“ lebten, stammen von diesen 11 Tieren ab.

Im Jahr 1979 wurde der Havaneser erstmals in den USA offiziell als Rasse registriert und somit deren Fortbestand geschützt.

 

1981 kaufte eine Züchterin zwei Tiere in den USA und brachte sie nach Deutschland. Diese beiden Tiere stellen den Grundstock der gesamten europäischen Havaneserzucht dar.

 

Aus den USA wird von Recherchen berichtet, die sich mit der Suche nach Havanesern beschäftigt, welche ihren Ursprung nicht in jenen 11 Tieren haben. Insbesondere auf Kuba oder in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hofft man fündig zu werden. Es wird angestrebt damit den Gen-Pool der Havaneser aufzufrischen.

 

Bemerkenswert an der Rasse der Havaneser ist auch noch folgendes: trotz all der Reisen um die halbe Welt und der langen Zeit scheint der Havaneser in seinem Erscheinungsbild nahezu unverändert geblieben zu sein. Dies belegen Gemälde aus dem 18. Jahrhundert, welche Havaneser darstellen.